Peiru & Jan 


[in English]

Liebe Freunde!

Manche wissen es schon, für andere wird es eine Überraschung sein: Vor kurzem haben meine Freundin Peiru und ich geheiratet. Überraschend ist dies jedoch nur in der Hinsicht, dass es augenscheinlich "plötzlich", ohne Vorwarnung, ohne Feierlichkeiten, ohne Einladungen zu Partys, Banketten, Junggesellenabschieden, Polterabend, etc. geschah. Inwiefern unsere Heirat indes die einzig richtige Entscheidung, die logische Konsequenz, der unabdingbare Lauf der Dinge ist, möchte ich im Folgenden kurz (ähem...) erläutern.

Im Frühjahr 2012 wartete ich in Brüssel in Belgien am Hauptbahnhof nach einem dienstlichen Besuch eines wissenschaftlichen Projektgruppentreffens bei der EU-Kommission auf den ICE nach Köln. Umsonst, wie sich herausstellte, denn der Zug fiel kurzerhand aufgrund eines technischen Defekts ersatzlos aus. Stattdessen wurde per Bahnsteigdurchsage erläutert, man solle bitte den Regionalzug nach Leuven, dann einen anderen Zug nach Liège und von dort Ersatzbusse nach Aachen nehmen, um dort seine innerdeutsche Weiterreise selbst zu organisieren. Nun spricht man in Belgien französisch und flämisch, und da der Großteil der Wartenden Deutsche waren, wurde die Durchsage in eben diesen drei Sprachen vorgenommen, was schon lange genug dauerte. Mir fiel eine verwirrt dreinblickende Asiatin auf, von der ich vermutete, dass sie keine dieser drei Sprachen ausreichend beherrschte, so dass sie wohl weitere Hilfe benötigte. Darüberhinaus trug sie eine Umhängetasche der Uni Münster! Sonst eher schüchtern (ja, wirklich) nahm ich meinen Mut zusammen und sprach sie, da ich sie äußerlich als Chinesin identifizierte, an: "Ni shi zhong guo ren ma?". Das bedeutet "Bist Du Chinesin?" und war dato so ziemlich der einzige Satz, den ich auf Chinesisch wusste. Ihre Überraschung war groß und sie bejahte (musste sich aber später revidieren, da sie Taiwanesin ist und sich daher nicht für eine Chinesin hält, was manche Chinesen wiederum anders sehen, aber das ist ein anderes Thema). Sie war außerordentlich glücklich über mein Angebot, ihr zumindest bis Köln (sie wollte nach Münster zurück) bei der anstehenden Odyssee zu helfen. Es wurden höchst interessante und aufregende 5 Stunden - bisher der glücklichste Zugausfall meiner Bahnhistorie! Schnell war klar, dass uns die Gesprächsthemen nicht so leicht ausgehen würden: sie belegte für ein Semester einen Deutschkurs an meiner alten Uni, war eigentlich Englischlehrerin in Taiwan, und nutzte die letzten Wochen vor ihrer Rückreise, um etwas von Europa zu sehen. Das bei weitem "größte" Thema war jedoch unser geteiltes Interesse am Buddhismus. Wir fühlten uns sofort "verstanden", als wir darüber philosophierten, wie Buddhas Lehre unser tägliches Leben beeinflussen kann, unsere mentale und körperliche Gesundheit, unsere Herangehensweise an alltägliche Situationen und Problemlösungen. Dass wir beide "angewandte Buddhisten" sind, hat uns seitdem mehr verbunden als alles andere. Natürlich blieben wir nach dieser Zugfahrt in Kontakt und trafen uns noch einmal in Köln (inklusive Turmbesteigung im Dom und Schokoladenmuseum), doch beschränkte sich unsere Kommunikation dann auf Skype oder andere Online-Wege, da sie nach Taiwan zurückkehrte.

Im Sommer 2013 zog es mich nach Asien - zunächst nach Südkorea, wo ich in einem buddhistischen Tempel lebte und einen Job als Postdoc (wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Uni) anstrebte, jedoch nicht fündig wurde. Während dieser Zeit (im September 2013) besuchte ich Taiwan für eine Woche, um dort festzustellen, dass es sich um ein modernes, freundliches Land handelte, in dem die Lebensqualität ebenso hoch ist wie in Korea, in dem es alles gibt was man zum Leben braucht, und in dem ich mich darüberhinaus willkommener fühlte als in Korea: ein Professor einer renommierten Uni in Taichung signalisierte Interesse an einer Zusammenarbeit, UND: Peiru hatte ein eigenes großes Apartment mit einem freien Zimmer für mich, falls ich denn vorhätte, längerfristig nach Taiwan zu kommen. All dies klang sehr gut, so dass ich mich kurzerhand entschloss, meine Zelte in Korea wieder abzubrechen und es in Taiwan zu versuchen.

So begann zunächst wieder eine "WG-Zeit" mit drei Mitbewohnern, von denen eine Peiru war. Ich drückte unserer Wohnung sofort meinen Stempel auf, indem ich Möbel baute, die Trennung von "Wohn-" und "Lagerraum" vornahm, meinen Sauberkeitsstandard durchsetzte und für eine "heimelige" Atmosphäre sorgte. Desweiteren besetzte ich die Küche und produzierte dort tägliche Mahlzeiten, was die Mitbewohner inklusive Peiru eher selten taten, da man in Taiwan in der Regel auswärts isst. Dies beeindruckte Peiru nachhaltig, wie sie mir zu verstehen gab: meine Qualitäten als Hausmann trugen sicherlich dazu bei, dass sie eine dauerhafte Beziehung immer ernsthafter in Erwägung zog, zumal man solche Eigenschaften bei Taiwanesen meist eher vergeblich sucht. Mich beeindruckte vor allem Peirus unerschütterlich ausgeglichenes Gemüt und eine außergewöhnlich harmonische und friedvolle Attitüde zur alltäglichen Lebensführung. Wir wohnen nun ein Jahr zusammen und haben noch kein einziges Mal "gestritten" (ich meine mit "streiten" eine emotionale, unfaire, irrationale, laute Auseinandersetzung, nach der man sich schlecht fühlt und die man bereut). Stattdessen investierten wir viel Zeit in Kommunikation, die es uns ermöglichte, wie ich glaube, uns sehr gut kennenzulernen. Im Laufe des Zusammenwohnens wurde schnell klar, dass wir durchaus mehr als "gute Freunde" sein können. Unsere Lebenseinstellung weist sehr viele Gemeinsamkeiten auf, unsere Erwartungen an die Zukunft, unsere Idee vom "glücklichen Leben", unser Ideal bezüglich Liebe (bei Interesse hier [klick] nachzulesen) - alles sehr ähnlich. Übrigens reden wir Englisch miteinander, da weder mein Chinesisch noch ihr Deutsch für eine sinnvolle Unterhaltung ausreichen. Da wir also beide eine Fremdsprache sprechen, benötigen wir manchmal ein paar mehr Worte, um uns einander verständlich zu machen. Ich sehe darin einen Vorteil gegenüber Partnern ohne Sprachbarriere: Bevor wir vorschnell die Aussagen des Anderen als "verstanden" einordnen oder gar etwas Negatives herauszuhören glauben, fragen wir lieber nach, ob wir uns denn auch richtig verstanden haben. Dadurch werden Missverständnisse meist sofort ausgeräumt.

Schließlich wurden wir ein Paar. Und da wir schon zusammenwohnten, ziemlich viel Zeit miteinander verbracht hatten und uns in allen möglichen Lebenslagen kannten (also nicht nur eine "Schönwetterbeziehung" hatten), dauerte es nicht lange, bis wir ans Heiraten dachten. Es sprach nichts dagegen, sondern alles dafür. Als es sich dann ergab, dass ich nach Deutschland reisen würde, machten wir Nägel mit Köpfen und fingen an, die Dokumente, die für eine internationale Heirat notwendig sind, zusammenzusuchen, damit ich sie in Deutschland komplettieren könnte. Und ich kann sagen, diese Prozedur stellt die Entscheidung, zu heiraten, auf eine erste Probe! Zunächst der lange Weg zu einem "Ehefähigkeitszeugnis", für das man diverse Nachweise und Urkunden braucht, außerdem die notwendigen Übersetzungen und Legalisationen der Dokumente zur Verwendung im jeweils anderen Land... Normalerweise gibt es sogenannte "Apostillen", ein Verfahren, auf das sich Deutschland mit fast allen anderen Staaten zur Vereinfachung des amtlichen Verkehrs geeinigt hat. Da Taiwan aber aus Respekt vor China nicht offiziell von Deutschland als unabhängiges Land anerkannt wird, kann dieses Verfahren nicht angewandt werden, so dass alles doppelt und dreifach übersetzt, beglaubigt, überbeglaubigt und legalisiert werden muss. Das erfordert viel Zeit, von den Kosten gar nicht zu reden (die spielten auch eher eine geringe Rolle angesichts der Bedeutungsschwere ihres Verwendungszwecks). Einmal angefangen, allein herauszufinden, was alles in welcher Reihenfolge erledigt werden muss, war der Prozess auf den Weg gebracht, und wir stellten fest, dass im Grunde damit die Entscheidung bereits gefallen war. Peiru zeigte sich etwas enttäuscht, weil sie immer von einem romantischen Heiratsantrag geträumt hatte, der die Aufrichtigkeit und den klaren Willen ihres Zukünftigen zum Ausdruck bringt. Noch vor meinem Deutschlandbesuch im September diesen Jahres habe ich das nachgeholt.

Eine Hochzeit in Taiwan geht in der Regel mit einem ziemlich kitschigen Fest in einem gemieteten Saal einher, bei dem geliehene Kleider im westlichen Stil getragen werden, Unmengen Buffet aufgetischt werden und für Fotos posiert wird - mehr aber eigentlich auch nicht. Ich hatte mit meiner Band auf taiwanischen Hochzeiten gespielt und dabei abschreckende Erfahrungen gemacht. Außer viel Show, gezwungener Fröhlichkeit und exzessivem Gelage ist neben dem tatsächlichen Stress, der so eine Feier für das Paar eigentlich ist, wenig Raum für ein wirklich "schönes" Hochzeitsfest, das dem Paar lange in Erinnerung bliebe. Der Großteil der Gäste ist lediglich am Buffet interessiert, hinterlässt traditionsgemäß einen roten Umschlag mit viel Geld und fährt wieder nach Hause, wenn das Buffet abgeräumt ist, manchmal ohne dem Paar überhaupt persönlich gratuliert zu haben. Glücklicherweise waren Peiru und ich uns einig, dass wir das nicht wollen. Es würde gar nicht zu unserer Idee von Liebe und Partnerschaft, und damit auch Hochzeit und Ehe, passen. Für uns ist die Eheschließung in erster Linie ein persönliches Versprechen zweier sich Liebender: füreinander "hier" zu sein (was das heißt: Klick hier), die Werte des Zusammenseins (Vertrauen, Ehrlichkeit, Respekt, Aufrichtigkeit, Treue) zu pflegen und nicht zu vergessen, und in den zukünftigen Situationen, die wichtige Entscheidungen erfordern, nicht nur an "Ich und Du" zu denken, sondern an das "Wir".

Ein weiteres Element der Eheschließung in Taiwan sind die unverzichtbaren Hochzeitsfotos. Manche Paare geben Tausende Euros dafür aus. Überall in Taiwan gibt es Studios, die Photoshootings unterschiedlichen Ausmaßes anbieten, mit verschiedenen Garderoben, allen möglichen Kulissen und Szenerien, und mit wählbaren Stufen der digitalen Bearbeitung (von "nur Pickel retuschieren" bis "Helligkeit der Zähne anpassen" und "Körperform optimieren"). Obwohl ich zunächst dagegen war, überhaupt so viel Geld dafür auszugeben, überzeugte Peiru mich schließlich, dass wir es nicht bereuen werden, eine Reihe professioneller, schöner Fotos als Erinnerung zu haben (womit sie ja auch Recht hat). Einige davon sind hier zu sehen. Wir wählten ein Angebot mit drei verschiedenen Aufzügen und "leichter" Nachbearbeitung (wir wollten "so natürlich wie möglich" erscheinen und nicht wie vollkommen andere Menschen), aus dem wir schließlich 20 Fotos in einem gebundenen Fotobuch, ein Bild als großes Gemälde für die Wand und alle Fotos auch digital erhalten. Neben einem Set in "klassisch westlicher Hochzeitsmontur" und einigen Fotos in "traditionell chinesischen" Kleidern wählten wir ein wunderschönes rotes Kleid für Peiru, zu dem ein weißer Anzug prima passte. Spanisches Flair, oder?

Die eigentliche Eheschließung war dann reichlich unspektakulär: im für uns zuständigen Melde- und Standesamt (in Taiwan ist es das gleiche) legten wir unsere Unterlagen vor und unterschrieben die Heiratsurkunden. Immerhin bekamen wir vom Amt ein Geschenk: ein Set Porzellanschalen mit chinesischen Hochzeitssymbolen. Anschließend erschienen Peirus Eltern, die wir zu uns nach Hause zum Essen eingeladen hatten. Ich hatte einen Kuchen gebacken und zum Abendessen ein deutsches Drei-Gänge-Menü vorbereitet. Zunächst flossen allerdings die Tränen (bei allen vier Anwesenden), als ich auf Chinesisch eine kleine Hochzeitsrede hielt, die ich mit meinen Sprachaustauschpartnern erstellt und geübt hatte. Ich erläuterte, dass es keine große Feier gibt, weil auch unsere Liebe einfach und direkt ist, ohne Show, und dass ich gewillt bin, das Versprechen, das die Hochzeit für uns darstellt (s.o.), stets zu halten. Meine Eltern waren per Skype "anwesend", so dass wir unser freudiges Ereignis auch mit ihnen teilen konnten und sich Peirus Eltern und meine zumindest auf dem Bildschirm sehen und kennenlernen konnten. "Gesprengt" wurde unsere Minifeier dann durch das überraschende Erscheinen sämtlicher Geschwister Peirus (drei Schwestern und ein Bruder, allesamt mit Ehepartner und Kindern), so dass wir am Ende dann doch sehr viel Leben in der Bude hatten! Später lud Peirus Vater noch einmal die ganze Familie zu einem Bankett in ein Restaurant ein, bei dem wir auf die Verheiratung seiner letzten Tochter (sie ist die Zweitgeborene von fünf Kindern, aber die letzte, die geheiratet hat) anstießen. Am 3. Januar 2015 werden wir die jährliche Lebkuchenhaus-Feuerzangenbowlen-Party dazu nutzen, auch unter unseren Freunden in Taiwan unsere Hochzeit offiziell zu verkünden und ordentlich zu begießen... Im Januar kommen wir nach Deutschland und feiern dort auch noch einmal mit meiner Familie.

Hat sich seitdem etwas verändert? Nein! Unsere Liebe wächst täglich. Wir halten unsere Beziehung so dynamisch, wie es die Dynamik des Lebens eben erfordert, denn nichts ist schädlicher für eine Partnerschaft als das Anhaften an bestimmten Erwartungen oder Bedingungen oder Ideen von Liebe. Dynamisches in eine Form zu pressen zu versuchen kann niemals gut ausgehen. Daher wollen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: Über Allem steht der Wille, durch das Teilen des Lebensweges unseren Alltag harmonisch, liebevoll und einfach "schöner" zu gestalten. Solange wir das nicht vergessen, wird es zwischen uns keinen Unfrieden, keinen Streit, keinen Schmerz, keine Disharmonie geben. "Ich bin für Dich hier." bedeutet, diesen Moment (und nichts anderes haben wir wirklich) mit freier Geisteshaltung und mit Achtsamkeit dem Partner zu geben. "Ich weiß, dass Du auch für mich hier bist." bedeutet, stets im Hinterkopf zu behalten, dass der Partner niemals im Sinn haben kann, mich zu verletzen, so dass, wenn ich mich trotzdem so fühle, als erstes ein Missverständnis vermuten muss. "Ich weiß, dass Du leidest." bedeutet, stets zu verstehen, dass der Partner niemals völlig frei von "Geistesgiften" sein kann, und zu versuchen, ihn nicht nach den äußeren Schalen (Verhaltensmuster, Emotionen, Gedanken, etc.) zu beurteilen, sondern seine "Buddha-Natur" zu sehen. "Ich weiß, dass ich leide, und ich brauche Deine Hilfe." bedeutet, sich stets seine eigene Fehlbarkeit und seine Unzulänglichkeiten einzugestehen, offen zu sein für jegliche Form von Feedback und Kritikfähigkeit zu üben. Diese vier "Mantras" sind aufgeladen mit Buddhas Philosophie und Psychologie und vielleicht nur vor diesem Hintergrund einzusehen und zu verstehen (z.B. was "leiden", "Achtsamkeit" oder "frei von Geistesgiften" bedeutet). Da Peiru und ich aber nach vielen Gesprächen UND viel praktischer Anwendung davon überzeugt sind, diese Mantras sowohl in ihrer tiefen Bedeutung zu verstehen, als auch ihre Konsequenzen für das tägliche Handeln zu erkennen, sowie die notwendigen Maßnahmen be- und ergreifen, um sie auch umzusetzen und nie zu vergessen, sind wir felsenfest davon überzeugt, dass eine glückliche Zukunft auf uns wartet.

Eine Zukunft, in der wir uns gegenseitig helfen, Hindernisse zu überwinden.

Eine Zukunft, in der wir uns Wärme geben.

Eine Zukunft, in der wir nie aufhören, miteinander zu sprechen und zu lachen.

Eine Zukunft, in der wir unseren Alltag mit kleinen und großen Gesten bereichern.

Eine Zukunft, in der wir auf Augenhöhe Respekt und Demut zeigen, in der mal der eine, dann der andere "der Boss" ist.

 

Eine Zukunft voller Inspirationen und Visionen, die es zu verfolgen lohnt.

Die meisten von Euch werde ich vermutlich nicht in der nächsten Zeit persönlich treffen können. Bitte vergebt mir auch, dass es keine Hochzeitsfeier gibt. Ich hoffe, dass ich euch mit diesen Fotos und den vielen Worten, die doch so wenig von dem sagen, was wirklich ist, an unserer Freude und unserem Glück teilhaben lassen konnte. Ihr alle seid Zeugen meines Versprechens: dass ich diese Frau, Peiru Chen, für den Rest unseres Daseins und darüber hinaus lieben werde, unsere Partnerschaft gedeihen und blühen lassen will, und das Glück unseres Zusammenseins in jedem Moment zu schätzen wissen werde.